Nachlese Frühstück mit Univ.Prof.Dr. Sophie Zechmeister-Boltenstern

Beim aktuellen „Frau im Fokus“-Frühstück stand ein Thema im Zentrum, das für viele Jahre unter der Oberfläche geblieben ist – im wahrsten Sinne des Wortes: der Boden. Die renommierte Bodenmikrobiologin Frau Zechmeister-Boltenstern führte die Zuhörer*innen tief in jene verborgene Welt, die Landwirtschaft, Klima, Städtebau und globale Politik enger miteinander verknüpft, als vielen bewusst ist. Was sie zu sagen hatte, zeigt eindrucksvoll: Die Zukunft liegt unter unseren Füßen.

Der Boden ist eine Blackbox“ – mit diesem Satz eröffnet die Forscherin einen Blick auf ein Ökosystem, das mehr unbekannte Biodiversität enthält als jeder andere Lebensraum. Pilze, Bakterien und Archaeen bilden ein komplexes Netzwerk, das Kohlenstoff speichert, Pflanzen ernährt und Wasser reguliert. Dennoch wird Boden vielerorts verdichtet, versiegelt oder übernutzt – oft mit dramatischen Folgen für Klimaresilienz und Ernährungssicherheit. Österreich zeigt diesen Widerspruch deutlicher als andere Länder: führend im Biolandbau, aber gleichzeitig Spitzenreiter bei Bodenverbrauch und Versiegelung.

Einen zentralen Schwerpunkt des Gesprächs bildete der Humusaufbau – ein natürlicher CO₂-Speicherpfad, dessen Potenzial beachtlich ist. Die Forscherin erinnert an das berühmte globale Ziel: Würde man den Humusgehalt aller Böden weltweit um vier Promille steigern, könnte man alle menschengemachten Emissionen ausgleichen. Winterbegrünungen, Zwischenfrüchte, Leguminosen, schonende Bodenbearbeitung und Pilzförderung seien dafür entscheidende Stellschrauben. „In Zukunft soll im Winter alles grün sein“, so ihre Vision.

Abseits ihrer fachlichen Expertise gab die Bodenmikrobiologin auch einen offenen Einblick in ihren persönlichen Werdegang. Ihr Weg verlief nie linear – vielmehr bezeichnet sie ihn selbst als „Zickzack-Laufbahn“, die durch verschiedene Disziplinen, Länder und Lebensphasen führte. Von der Medizin über die Biologie bis zur Bodenmikrobiologie, von Deutschland über Schottland bis zurück nach Österreich: Sie folgte stets der Spur der Fragen, die sie wirklich bewegten.

Ein wichtiges Leitmotiv ihres Weges war dabei die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Sie spricht darüber, wie entscheidend flexible Strukturen, geteilte Verantwortung und eine klare Priorisierung waren. Ihre Karriereentscheidungen fällte sie bewusst in Abstimmung mit familiären Bedürfnissen – ein Realismus, der nicht hinderte, sondern sie langfristig stärkte. Mentoren und Unterstützer spielten für sie ebenfalls eine wichtige Rolle, genauso wie der Wunsch, Frauen nach ihr gezielt zu fördern, etwa durch den Aufbau einer weiblichen Nachfolge.

Besonders großer Raum bei diesem Science Touch Frühstück galt den Pilzen, deren Myzelgeflecht Pflanzen verbindet, Nährstoffe weiterleitet und Kohlenstoff im Boden stabilisiert. Intensive Bearbeitung oder massive Mineraldüngung zerstören dieses Netzwerk – mit langfristigen Folgen.  Die Bodenexpertin betonte, wie entscheidend funktionierende Nährstoffkreisläufe seien – auch wenn kulturelle Vorbehalte etwa gegen die Rückführung menschlicher Nährstoffe noch groß sind.

Auch Künstliche Intelligenz wurde thematisiert. KI könne Bodendaten auswerten, Varianten testen, Planungen beschleunigen und die Transformation unterstützen. Gleichzeitig warnt die Expertin vor Rebound-Effekten und dem wachsenden Energie- und Wasserbedarf von Rechenzentren. KI müsse daher konsequent an Normprüfung und Governance gekoppelt werden.

Persönlich erzählte die Wissenschaftlerin von ihrem atypischen wissenschaftlichen Weg – ein „Zickzack“, wie sie es nennt, getragen von Beharrlichkeit, Umwegen und Realismus. Sie betonte die Bedeutung verlässlicher Netzwerke, flexibler Strukturen und geteilter Verantwortung, um wissenschaftliche Karriere und familiäre Aufgaben zu verbinden. „Man kann diese Dinge nicht delegieren“, sagte sie – weder in der Karriere noch im Bodenschutz.

Ausblick: Dranbleiben – pragmatisch und mutig

Die Botschaft des Gesprächs ist klar: Viele Lösungen sind bereits vorhanden. Was fehlt, ist ihre konsequente Umsetzung. Die Wissenschaftlerin erinnert daran, dass Umweltpolitik bereits Erfolge erzielt hat – von der Ozonrettung bis zur besseren Luftqualität. Ähnliches sei auch beim Boden möglich, sofern Forschung, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam handeln. „Man muss eine Stoßrichtung vor Augen haben; Wege finden sich.

Statement an die nächste Generation von Frauen

Am Ende des Gesprächs richtete sie einen ermutigenden Appell an junge Frauen, die eine wissenschaftliche oder gesellschaftliche Laufbahn anstreben:

„Bleibt dran – und wenn ein Weg nicht geradeaus führt, sucht die Zickzack-Linie außen herum. Wartet nicht darauf, dass jemand anderer Dinge für euch löst. Gestaltet, vernetzt euch, passt euch an, aber gebt nie die Stoßrichtung aus den Augen. Wissenschaft, Umwelt und Gesellschaft brauchen euch.“

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